Berlin, Berlin – einmal um Berlin!

 

Es ist schon eine Weile her seit meinem letzten Beitrag, das hatte natürlich seinen Grund. Die Vorbereitung zum Saisonhöhepunkt lief auf Hochtouren, besser gesagt ich lief auf Hochtouren und im Juli so viele Kilometer, wie noch nie zuvor in einem Monat. Der beschriebene Geburtstagsmarathon im letzten Post war nur eine weitere Stufe auf dem Weg nach Berlin - hier spielten meine Gedanken ab Jahresbeginn. Seit dem Lauf-Abbruch im letzten Jahr hatte ich nämlich noch eine Rechnung offen: die 100 Meilen beim Mauerweglauf!

 

In diesem Jahr lief es bereits in der Vorbereitung anders, ich hatte aber selbst ebenfalls genug Änderungen in meinem Training vorgenommen. Die bewährte Wettkampf-Folge mit einem Städte-Marathon (Paris) im zeitigen Frühjahr, dem Rennsteiglauf und folgend mein Projekt "Kilometer für Jahre" und Mauerweg-Nachtlauf konnte ich problemlos absolvieren. Hinzu kamen weitere lange Läufe, oberhalb der Marathon-Distanz. Nur für mich, allein, vor dem Frühstück. 🙂

 

Mauerweglauf 2016 - 1

Vorfreude!

 

Mein Freeletics-Training reduzierte sich in dem Maße, wie sich das Lauftraining intensivierte. Wichtig sind die Übungen trotzdem, jedoch verwandte ich auch einige Bestandteile von der Sportscheck-Webseite. Auf Gewichte "stehe" ich ja nicht so, aber etwas Abwechslung ist immer gut! Die Distanzen wurden länger, die Aufstehzeit am Morgen früher. Im Winter konnte ich mir nicht vorstellen, wie ich vor der Arbeit bereits 21/22km laufen kann, jetzt waren es meist mehr als 25km - und das an drei Tagen in der Woche vor dem Bürotag. Am Wochenende kam dann der lange Lauf hinzu. Stupide nach diesem Muster trainierte ich trotzdem nicht. Es gab Belastungswochen und lockere Wochen, einen neuen "Wochenkilometerrekord" stellte ich mit 131km auf. Enthalten war die absolute Generalprobe für die 100 Meilen: der Mauerweg-Nachtlauf auf knapp 70km der Originalstrecke.

 

Eine interessante Gelegenheit bot sich mir im Juli noch. Über die Rennleitung des Mauerweglaufs trat die Sportmedizin der Charité an uns Teilnehmer heran. Es wurden Teilnehmer für eine Studie über die Belastungen und Erschöpfungszustände im Ultramarathon gesucht. Eine eingehende medizinische Vor- und Nachuntersuchung stand in Aussicht. Ich überlegte nicht lange und meldete mich dazu. Wir wurden an einem langen Diagnostik-Tag in der Vorbereitung gründlich untersucht. Biometrische Körpermessungen, Untersuchung von Lunge, Herz, Blut, Urin, Speichel, etliche Fragebögen und schließlich eine Leistungsdiagnostik auf dem Laufband mit Laktat-Bestimmung wurden durchgeführt. Das lohnte sich und ergab ein gutes, sicheres Gefühl für den bevorstehenden Start - es war nämlich alles OK!

 

Mauerweglauf 2016 - 2

Kurz vor dem Start, rechts Joey beim Interview

 

Endlich war das Wochenende ran. Jule und ich fuhren Freitag zur Abholung der Startunterlagen und zum Briefing. Das gute Obst- und Gemüsebüfett und die vegane Carbonara-Soße mit Vollkornnudeln fanden ebenfalls "Anklang". Viele bekannte Gesichter, ein paar nette Gespräche und die Hinweise vom Rennleiter Hajo Palm, dann ging es für ein paar Stunden noch einmal nach Hause. Der Inhalt meiner geplanten beiden "Dropbags" lag schon bereit, jetzt wurden also nur noch die offiziellen Beutel gefüllt, bevor die Sachen ins Auto wanderten und ich ins Bett. Knappe 4 Stunden blieben mir, die reichten aber.

 

Auch am Renntag waren kleinere medizinische Checks eingeplant, inklusive das Anlegen eines Langzeit-EKG´s. Es dauerte alles nicht sehr lange, so dass ich noch genug Zeit für mich und einen Kaffee hatte. Dann ging es mit über 300 anderen Startern los, mit dabei Joey Kelly. Bei bestem Wetter wurden wir von Horst Milde auf die Strecke geschickt. Nicht nur die 5. Auflage der 100 Meilen, sondern der 55. Jahrestag des Mauerbaus fiel genau auf das Austragungsdatum. Die Gedenkstätte an der Bernauer Straße stimmte auf den ersten Kilometern gleich auf diesen Gedenklauf ein. Weiter ging es in Richtung Brandenburger Tor. Hier war der erste Verpflegungspunkt und es fand eine besondere Aktion statt: jeder Läufer nahm einen Stein einer eigens dafür errichteten symbolischen Mauer mit und "riss" diese damit "ein". Nach dem Durchlaufen des Brandenburger Tores wurden diese in Fangkörben gesammelt und spielten erst bei der Siegerehrung wieder eine Rolle...

 

 

An der East Side Gallery vorbei, verlief die Strecke nun durch einige Partyzonen mit entsprechend übrig gebliebenem Szene-Volk. Wer sich noch artikulieren konnte, hatte auch meist einen Spruch parat. Die Kilometer wurden nicht langweilig, vorerst. Viele, sehr viele Verpflegungsstände (=27) empfingen uns Läufer und bildeten gleichzeitig auch die Überwachung des Laufes. Überall waren am Ende des VP die Zeiterfassungsgeräte installiert. Ich lief ein gutes Tempo, teils allein, teils in einer wechselnden Gruppe. An roten Ampeln, oder an den VP´s fand man sich regelmäßig zusammen. Gut gelaunt und gut in der Zeit erreichte ich den ersten Wechselpunkt in Teltow. Da ich hier kein Dropbag deponiert hatte, setzte ich meinen Lauf recht schnell fort. Die Temperaturen waren mittlerweile recht hoch, so wollte ich möglichst schnell in Richtung Zehlendorf und damit auf den 7km langen Abschnitt Königsweg im Wald.

 

 

Die nächsten Höhepunkte der Strecke waren die Gedenkstätte Griebnitzsee, die tollen Villen an ebendiesem und schließlich die Glienicker Brücke. Hier war naturgemäß viel los, ich legte ebenfalls an diesem geschichtsträchtigen Ort eine Fotopause ein. Gleichzeitig zog mich der nächste Versorgungspunkt förmlich an: VP 13 "Brauhaus Meierei"! Ich wusste, hier gibt es frischgezapftes leckeres Bier aus dem Brauhaus. Selbstverständlich genehmigte ich mir einen kleinen Becher und nutzte die Pause zu einem telefonischen "Lagebericht" an Jule. Alles gut zu Hause und bei mir - so ging es weiter. Als nächste Marke war der legendäre VP "Pagel & Friends" bei km 98 gesetzt. Im letzten Jahr, bei umgekehrter Laufrichtung, musste ich dort meinen Lauf beenden. Nun genoss ich die unglaubliche Begrüßung, Stimmung und das Angebot an Essen und Trinken.

 

 

Für viele Läufer nahte der mentale Push: es wurde "nur noch 2-stellig" im zu laufenden Kilometerbereich. Die 100 km wurden überschritten, nur noch 1,5 Marathons... Ich hatte eine andere "psychologische Kriegsführung" gewählt. Meine Fenix hatte ich auf Meilen eingestellt, so lief ich bereits ab Start im 2-stelligen Bereich. 😉 Die automatischen Runden hatte ich ebenfalls auf 5 Meilen festgelegt, hier gab es für mich mich dann immer noch eine kleine zusätzliche "Aufgabe". Ich wollte meinen "körperlichen Verfall" mit einem Selfie dokumentieren. Dies klappte sehr gut, natürlich blieb ich nicht abrupt beim Ertönen des Pieptons der Fenix stehen, sondern nutzte zeitnahe Unterbrechungen des Laufs, ob an VP´s, Ampeln oder Anstiegen. Das Ergebnis ist gar nicht mal so schlimm geworden, denn mir ging es ja gut... 🙂

 

Der Prozess.

Der Prozess.

 

Weiter geht es im Teil 2

 

2 Gedanken zu „Berlin, Berlin – einmal um Berlin!

  1. Pagel und Friends – mit Abstand die beste VP, die ich gesehen habe. Ich meine, ich wäre auch (als Staffelläufer 3 einer 4er Staffel) an dir vorbeigelaufen, war mir leider aber nicht sicher… Auf jeden Fall aber eine Hammer Leistung von euch Einzelstartern und für mich unglaublich, undenkbar, unfassbar.
    Super Idee mit den Selfies und der Meilen-Einstellung.

    1. Haha, du BIST an mir vorbei gelaufen! Und ich habe noch gerufen – du warst aber im „Tempo-Tunnel“.

      Wenn es „undenkbar“ ist, dann wird es auch nichts. Wie heißt es doch so schön im Ultralauf: „90% ist der Kopfsache, der Rest ist mental!“ 😉

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